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    Münzgesetz der Poleis Mytilene und Phokaia (um 394 v. Chr.)

    Die beiden griechischen Städte Mytilene und Phokaia an der kleinasiatischen Küste prägten in der klassischen Zeit Elektronmünzen, die aus einer künstlichen Legierung aus Gold und Silber bestanden. 1852 fand der englische Vicekonsul C.T. Newton in der Wand eines Hauses auf der ehemaligen Akropolis von Mytilene eine Inschrift, die zeigt, wie die beiden Städte gemeinsam die Herstellung und Ausgabe von Münzen regelten. Der auf dem Stein überlieferte Beschluss stammt wohl vom Beginn des 4. Jh. Die Untersuchung der Münzen der beiden Städte legt aber nahe, dass schon seit dem Sturz des Tyrannen Polykrates von Samos im Jahr 521 v.Chr. eine ähnliche Regelung bestanden haben muss. Eine eingehende Analyse der Münzen hat zudem ergeben, dass die in der Inschrift genannten Manipulationen am Münzmetall tatsächlich stattgefunden haben.

    "Was immer die beiden Poleis …auf die Stele schreiben oder auslöschen, das soll gültig sein. Der Legierer des Goldes soll beiden Poleis verantwortlich sein. Richter aber sollen sein für den Legierer in Mytilene alle Magistrate, wobei die von Mytilene die Mehrheit bilden, für den Legierer in Phokaia die Magistrate in Phokaia die Mehrheit bilden. Der Prozess soll nach Ablauf des (Amts)Jahres binnen 6 Monaten stattfinden. Wenn er überführt wird, dass er das Gold absichtlich schlechter legiert hat, soll er mit dem Tode bestraft werden. Wenn er aber (der Todesstrafe) entgeht, weil er unabsichtlich gefehlt hat, so soll das Gericht die Busse feststellen, die er zu erleiden oder zu erlegen hat. Die Polis aber soll nicht strafbar sein. Die Mytilener erlosten die erste Münzung. Sie findet statt unter dem Prytanen, der nach Kolonos amtiert, in Phokaia unter dem, der nach Aristarchos amtiert."

    (Übersetzung nach F. Bodenstedt, Die Elektronmünzen von Phokaia und Mytilene, Tübingen 1981, 29-31; zum griechischen Text siehe H. Bengtson, Die Staatsverträge des Altertums, München 1962, 174-5.)

    Aus dem Text lassen sich folgende Tatsachen ableiten:

    1. Das Münzmetall war eine künstliche Legierung, die einen festen Anteil an Gold und Silber haben musste.
    2. Ein jährlich bestimmter / oder gewählter Beamter ("Legierer des Goldes") war dafür verantwortlich, dass diese vorgeschriebene Legierung eingehalten wurde.
    3. Bei Verdacht auf Unregelmässigkeiten musste man gegen diesen Beamten den Prozess binnen sechs Monaten anstreben.
    4. Die Zusammensetzung des Gerichtshofes wird festgelegt, wobei die Beamten mehrheitlich von den Magistraten der eigenen Stadt beurteilt werden.
    5. Auf absichtliche Verfälschung stand die Todesstrafe (Vorsatz). Bei fahrlässiger Vernachlässigung der Kontrolle wurde eine Busse verhängt.
    6. Die Prägung der Münzen durch die beiden Städte geschah alternierend jedes zweites Jahr.
    7. Das Los hatte entschieden, dass Mytilene beginnen konnte.

     

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