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    Tacitus, Annalen, III, 33-34

    Dürfen Ehefrauen ihre Männer begleiten?

    Tacitus, Annalen, III, 33–34 :
    Einführung : Tacitus beschreibt eine Senatssitzung des Jahres 21 n.Chr., an welcher die Frage entschieden wurde, ob Frauen (und Kinder) die Senatoren auf ihre verschiedenen Posten (Statthalterschaften, Armeekommandos) begleiten durften oder nicht.

    III, 33, 1 : "Bei dieser Gelegenheit stellte Severus Caecina denn Antrag, dass keinen Beamten, dem eine Provinz zugefallen sei, seine Frau begleiten dürfe; mit Nachdruck hatte er vorher wiederholt betont, in Eintracht lebe seine Gattin mit ihm und habe ihm sechs Kinder geschenkt; er habe, was er als allgemeine Regel vorschlage, in der eigenen Familie immer befolgt und seine Frau in Italien gelassen, obwohl er selbst in einer Reihe von Provinzen vierzig Jahre Dienst getant habe. (2) Denn nicht ohne Grund habe man vor Zeiten beschlossen, dass die Frauen nicht zu Bundesgenossen oder fremden Völkern mitgenommen werden dürften : die Begleitung von Frauen bringe es mit sich, dass eine friedliche Tätigkeit durch ihr Wohlleben, kriegerische Handlungen durch ihre Schreckhaftigkeit behindert würden und der römische Heereszug sich in eine Art Barbarenaufzug verwandle. (3) Nicht nur schwächlich und Anstrengungen nicht gewachsen sei das weibliche Geschlecht, sondern, wenn man ihm die Freiheit lasse, grausam, ehrgeizig, machtgierig; sie marschierten unter den Soldaten, hätten Zenturionen zur Verfügung; kommandiert habe kürzlich eine Frau bei einer Übung der Kohorten, bei einem Aufmarsch der Legionen. Sie sollten doch selbst bedenken, dass man jedesmal, wenn irgendwelche Persönlichkeiten wegen Erpressung belangt würden, mehr Schuld ihren Frauen geben müsse : an sie hängten sich alsbald gerade die schlechteren Elemente unter den Provinzialen, von ihnen würden Geldgeschäfte eingeleitet und durchgeführt; zwei Personen huldige man, wenn sie sich öffentlich zeigten, zwei Amtssitze gebe es, wobei noch eigensinniger und massloser die Anordnungen der Frauen seien; vor Zeiten durch die lex Oppia und andere Gesetze im Zaum gehalten, führten sie jetzt, der Fesseln ledig, zu Hause, auf dem Forum, ja schon im Heere das Regiment.
    34, 1 : Nur wenige (der Senatoren) hörten diese Rede beifällig an : die Mehrzahl widersprach lärmend, weder stehe die Angelegenheit zur Beratung noch sei Caecina berufen, in einer so wichtigen Sache den Zensor zu spielen. Dann erwiderte Valerius Messalinus, der Messala zum Vater hatte und als sein Ebenbild väterliche Beredsamkeit besass : Vieles von der Härte der alten Zeit habe sich zum Besseren und Erfreulicheren gewandelt; es werde ja auch nicht, wie einstmals, Rom von Kriegen umdrängt, noch seien die Provinzen Feindesland; dazu würden nur geringe Mittel für die besonderen Bedürfnisse der Frauen bewilligt, die nicht einmal das Vermögen der Ehegatten, geschweige denn die Bundesgenossen belasteten; alles übrige hätten sie gemeinschaftlich mit ihrem Mann, und darin liege keinerlei Hemmnis für den Frieden. In den Krieg müsse man wohl ausschliesslich in der Waffenrüstung ziehen : aber gebe es für die nach der Kampfes Mühe zurückkehrenden Männer eine anständigere Erholung als an der Seite der Gattin ? Aber da hätten sich doch einzelne zu Ehrgeiz oder Habsucht hinreissen lassen. Wozu der Einwand ? Seien nicht selbst von den Beamten sehr viele mancherlei Leidenschaften ergeben ? Trotzdem sei es nicht so, dass deswegen niemand mehr in die Provinz geschickt werde. Verdorben seien oft schon durch üble Machenschaften der Frauen die Männer : seien etwa darum alle Unverheirateten fehlerlos ? Beschlossen habe man einst das Gesetz des Oppius, da die damalige Lage des Staates es so forderte; eingeschränkt und gemildert habe man später einiges davon, weil dies vorteilhaft gewesen sei. Vergeblich wolle man unsere Trägheit mit anderen Ausdrücken benennen : denn der Mann trage die Schuld daran, wenn die Frau das gesetzte Mass überschreite. Nun nehme man aber wegen der Charakterschwäche der einen oder anderen zu Unrecht den Ehemännern die Partnerinnen in Glück und Unglück weg; zugleich lasse man das von Natur schwache Geschlecht im Stich und gebe es seiner eigenen Verschwendungssucht und den Begierden anderer preis. Kaum durch persönliche Bewachung blieben Ehen unversehrt : was werde erst geschehen, wenn sie bei mehrjähriger Trennung wie bei einer Ehescheidung in Vergessenheit gerieten ? Nur in dem Masse dürften sie den Verfehlungen begegnen, die anderwärts vorkämen, wie sie sich an die Missstände in der Stadt erinnerten. – Dazu fügte Drusus ein paar Worte über seine Ehe hinzu; denn Angehörige des Kaiserhauses hätten immer wieder entlegene Teile des Reiches zu besuchen. Wie oft sei der göttliche Augustus in den Okzident und Orient in Begleitung Livias gereist ! Auch er sei nach Illyricum gegangen und werde, wenn dies erforderlich sei, noch zu anderen Völkern gehen, nicht immer ruhigen Herzens, wenn er sich von seiner geliebten Gattin, der Mutter so vieler gemeinsamer Kinder, trennen müsse. So fiel Caecinas Antrag durch."

    Aus : Tacitus Annalen, übersetzt und erläutert von Erich Heller. Mit einer Einführung von Manfred Fuhrmann, Artemis Verlag, Zürich und München 1982.


    Erläuterung : Der Text spricht für sich ; beachten Sie auch die Klischeevorstellungen, die auf beiden Seiten über das Wesen der Frau herrschten. Das Gesetz des Oppius (lex Oppia des Volkstribunen C. Oppius) wurde mitten im zweiten punischen Krieg 215 v.Chr. beschlossen und verbot den Frauen, ihren Reichtum zu zeigen (Verbot, Goldschmuck und kostbare Kleidung zu tragen sowie innerhalb Roms Wagen zu fahren), doch bereits 195 v.Chr. wurde das Gesetz gegen den Widerstand des Alten Cato wieder aufgehoben. Festzuhalten ist auch, dass der Familiennachzug für die Senatoren so üblich war, dass sogar eine geringe Spesenentschädigung (34,1) ausbezahlt wurde.
    Drusus (der Jüngere) ist Drusus Iulius Caesar, der Sohn des Tiberius und der Vipsania, geb. 7. Okt. 15 (oder 14 ?) v.Chr., Konsul I 15 n.Chr., Konsul II 21 n.Chr. Er war verheiratet mit seiner Cousine Livia Iulia (bei Sueton : Livilla), selbstverständlich eine befohlene Verbindung, wobei Heiraten innerhalb einer Grossfamilie üblich waren. Drusus starb 23 n.Chr., vielleicht vergiftet durch Seian, den mächtigen Prätorianerpräfekten, der selbst ein Verhältnis mit Livia Iulia hatte. Auch diese endete nach dem Sturz des Seian tragisch durch Hungertod.
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