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    >Modules > Einführung in die Alte Geschichte > Die Quellen der Alten Geschichte und die Bedeutung von weiteren altertumswissenschaftlichen Disziplinen > Tacitus - sine ira et studio

    Tacitus, Historiae, 1, 1, 1-4

    "Beginnen möchte ich mein Werk mit dem Konsulatsjahr des Servius Galba (er war es damals zum zweitenmal) und dem des Titus Vinius. Die frühere Zeit, nämlich die seit der Gründung Roms verflossenen 820 Jahre, haben viele Schriftsteller behandelt; solange es dabei um die Geschichte des römischen Volkes ging, geschah es mit ebensoviel Beredsamkeit wie Freimut. Nach der Schlacht bei Aktium aber und nachdem in Rücksicht auf den Frieden die Fülle der Macht einer Einzelpersönlichkeit übertragen wurde, verschwanden jene hervorragenden Schriftstellertalente; zugleich damit wurde die Wahrheit mehr und mehr entstellt, vor allem aus mangelndem Verständnis für das einem ja fremd gewordene Gemeinwesen, sodann aus üblem Hang zur Schmeichelei oder auch aus Hass gegen die Machthaber. So kam es, dass sich in der feindlichen oder knechtisch ergebenen Gesinnung weder die einen noch die anderen um den Eindruck bei der Nachwelt kümmerten. Während man sich aber von der Gunstbuhlerei eines Autors ohne weiteres verächtlich abwendet, finden Äusserungen der Missgunst und des blassen Neides williges Gehör; haftet doch der Schmeichelei der hässliche Vorwurf der Knechtgesinnung an, der Bosheit aber der trügerische Schein des Freimuts. Was mich betrifft, sind Galba, Otho und Vitellius mir weder durch Wohltaten noch durch Kränkungen nahe getreten. Dass zu meiner ehrenvollen Ämterlaufbahn Vespasian den Grund legte, Titus sie erhöhte, Domitian mich noch weiter darin vorwärtsbrachte, will ich nicht abstreiten. Wer sich freilich zu dem Grundsatz unbestechlicher Wahrhaftigkeit bekennt, darf niemandem gegenüber mit besonderer Vorliebe verfahren, muss sich auch von Gehässigkeit freihalten. Für den Fall, dass mein Leben lang genug währt, will ich das Prinzipat des göttlichen Nerva und das Regiment Trajans, diesen recht umfangreichen, doch minder heiklen Stoff, für meine alten Tage aufsparen; sie sind ja so selten, die glücklichen Zeiten, wo es möglich ist zu denken, was man will, und zu sagen, was man denkt."

    Tac. hist. 1, 1, 1-4, zitiert nach der Übersetzung von Joseph Borst, 4. Auflage, München und Zürich 1984 (Tusculum).
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