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    Modules > Römische Armee der Kaiserzeit > Die römische Armee im Frieden > Die Armee als Romanisierungsfaktor und der Stellenwert der Kultur

    Erläuterungen zum Militärdiplom vom 9. Februar 71

    Überblick : Beienm abgebildeten und übersetzten Militärdiplom handelt es sich um das Diplom für einen Flottensoldaten. Es stammt aus dem 1. Jh. n.Chr. und ist genau datiert auf den 9. Februar des Jahres 71. Was entnehmen wir dem Text ? Liccaius, Sohn des Birsus, stammt aus Marsunnia oder Marsonia in Pannonia inferior, im heutigen Kroatien. Der Name lebt im Flussnamen Mrsunja bei Brod weiter. Liccaius trat als Soldat in die Flotte ein, machte Karriere bis zum Zenturio und diente unter Sex. Lucilius Bassus, dem Präfekten der beiden Flotten von Ravenna und Misenum. Sex. Lucilius Bassus schlug sich im Bürgerkrieg 69–70 n. Chr. auf die Seite Vespasians und unterstellte die Flotten Vespasian, wie man aus weiteren Quellen (Tacitus, Hist. 3, 12, 2–8 ; Hist., 3, 50) weiss. Der Kaiser belohnte die Überläufer mit den genannten Privilegien; dies zeigen auch andere Militärdiplome des gleichen Jahres.

    Einzelheiten :
    1.Vespasian trägt hier die normale, seit Augustus übliche Kaisertitulatur. Vespasian übernahm die Namenselemente Imperator Caesar und Augustus und fügte seinen eigenen Namen ein, wie dies dann alle späteren Kaiser auch taten. Als Kaiser war er Oberpriester (pontifex maximus) und demnach mit jenem Titel bekleidet, den der Papst heute noch trägt. Des weiteren war er Inhaber der tribunizischen Gewalt, der entscheidenden innenpolitischen Befugnis, die Augustus seit 23 v.Chr. innehatte und die jährlich erneuert wurde, so dass die Regierungsjahre eines Kaisers nach der tribunicia potestas gezählt wurden. Die sogenannten Imperator-akklamationen zeigen die Monopolstellung des Kaisers bezüglich des Heeres, da jeder Sieg, den ein kaiserlicher Unterfeldherr errang, sogleich dem Kaiser zugeschrieben wurde. Der Kaiser führte dann und wann auch das Konsulat und er war, als Kaiser, Vater des Vaterlandes, was seine patronale Stellung gegenüber der gesamten Reichsbevölkerung gut kennzeichnet. Die Kaisertitulatur drückt somit die Summe der Gewalten aus, die der Kaiser auf sich vereinigte.
    2. Die Soldaten der Flotte (classiarii) wurden nach 26 Dienstjahren entlassen.
    3. Interessanterweise wurden diese Veteranen in Paestum (Süditalien) angesiedelt, um diesen Gebiet wieder neue Bewohner zuzuführen. Das Militärdiplom wurde aber in der Save, im bekannten Fluss Kroatiens, gefunden; das kann nur heissen, dass der entlassene Soldat den ihm zugewiesenen Ansiedlungsort verliess und in seine Heimat zurückkehrte.
    4. Der Empfänger Liccaius, Sohn des Birsus, hat noch keinen römischen Namen ; er erhält ihn ja eben durch die Verleihung der civitas Romana durch den Kaiser, worauf er, wie man mit Gewissheit annehmen darf, T. Flavius Liccaius hiess, d.h. die kaiserlichen Vornamen und Geschlechtsnamen zu tragen hatte. Ihm fehlen noch Frau und Kinder.
    5. Ganz singulär, aber gut verständlich ist der Hinweis "an 23. Stelle". Er bezieht sich auf die in Rom ausgehängte Konstitution, wo Liccaius an 23. Stelle auf der Liste der entlassenen und privilegierten Soldaten genannt war. Die Konstitution war, wie es im 1. Jh. üblich war, auf dem Kapitol ausgehängt.
    6. Auch die Namen der Zeugen verdienen einige Aufmerksamkeit : sie entstammen aus dem Umfeld des Soldaten und sind entweder Breuker, also Angehörige eines benachbarten Stammes oder sie sind Bürger von Städten am Eingang zum Balkan (Aquileia) bzw. auf dem Balkan (Emona und Savaria). Es ist uns nicht bekannt, wie diese Männer ausgewählt wurden; ein Zusammenhang mit der Herkunft des Empfängers ist jedoch unbestritten. Die Zeugen müssen römische Bürger sein.
    7. Sie wundern sich vermutlich darüber, wie eine solch genaue Interpretation eines einzelnen Dokumentes überhaupt möglich ist. Man muss das Wissen zusammentragen und jedes einzelne Wort, jeden Namen nachschlagen. Hilfsmittel sind: Der Neue Pauly (DNP) für die Orts- und Volksnamen; die Prosopographia Imperii Romani (PIR) für die Identifikation der Senatoren. Der Wissenschaftler muss deshalb immer genau angeben (in Anmerkungen), weshalb er zu diesem oder jenem Schluss kommt; und Sie haben die Aufgabe, immer kritisch zu sein, nichts von vorneherein anzunehmen, sondern jeden gedanklichen Schritt nachzuprüfen!
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