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    Modules > Römische Armee der Kaiserzeit > Die römische Armee im Frieden > Wer war in der römischen Armee (Soldaten - Offiziere - Generäle) ?

    Kommentar zur Inschrift für Quintus Glitius Atilius Agricola

    Quintus Glitius Atilius Agricola stammt aus der oberitalischen Stadt Turin (Taurini); darauf weist die Tribus Stellatina (der Stimmbezirk, in welchem die Stadt Turin eingeschrieben war) und darüber hinaus die Vielzahl der fragmentarischen Inschriften hin, die alle von verschiedenen Ehrenmonumenten herrühren müssen. Er trägt, wie alle römischen Aristokraten, nicht mehr nur einen dreiteiligen, sondern einen mehrteiligen Namen, nämlich die "tria nomina " des römischen Bürgers : Q(uintus) = Vorname, praenomen, immer abgekürzt; Glitius, den Geschlechtsnamen (nomen gentile; Gentiliz) und Agricola, den Zunamen (cognomen, das Cognomen). Dazu nennt ein römischer Bürger den Vatersnamen ("Sohn des Publius", lateinisch : Publii filius), die sogenannte Filiation als Zeichen der freien Geburt. Atilius Agricola trägt aber noch ein zweites nomen gentile, Atilius. Zwei Gentilnomina weisen auf eine Adoption hin : ein Q. Glitius hat P. Atilius Agricola adoptiert; die Familie der Glitii ist in Turin belegt.
    Atilius Agricola (so lautet der bezeugte Kurzname) ist Senator, obwohl dies in diesem Text nicht ausdrücklich gesagt wird. Darauf deuten die Ämter, die er bekleidet hat, denn nur ein Mitglied des Senatorenstandes konnte sich um eine Magistratur (Quaestor, Praetor, Aedil, Konsul) bewerben und diese für ein Jahr innehaben. Der Text stellt somit eine sogenannte senatorische Laufbahn der Kaiserzeit dar, die in absteigender Richtung zu lesen ist (die höchsten und zeitlich letzten Ämter stehen am Anfang). Um seine Biographie rekonstruieren zu können, muss man mit den zuletzt genannten Stellungen beginnen.
    Die Inschrift bricht offenbar am Schluss ab. Die erste Stellung, die genannt wird, ist ein Ehren"amt" eines jungen Senators, der beim Fest der jährlichen Rittermusterung in Rom (ein Fest, bei dem sich der zweite Stand der Ritter vor dem Kaiser präsentierte) eine Ritterschwadron anführte; darauf bekleidete Atilius Agricola ein Amt der sog. Vigintivirates (der in vier Abteilungen eingeteilten Vorstufe der senatorischen Karriere). Dann absolvierte er, wie es üblich war, ein einjähriges Militärtribunat. Aus anderen inschriftlichen Quellen weiss man, dass die legio I Italica von Nero aufgestellt wurde und in der Zeit Vespasians in Moesien stationiert war (in Novae, dem Legionslager an der Donau, das gegenwärtig von einer bulgarisch-polnischen Forschungsgruppe ausgegraben wird). Offenbar wurde der junge Mann aus dem Senatorenstand von Vespasian gefördert, denn als Quaestor des Kaisers Vespasian war er gewissermassen dessen "Sekretär" im Verkehr mit dem Senat. Offenbar absolvierte er darauf in rascher Folge die Magistraturen bis zur Prätur, die alle sein Verbleiben in Rom erforderten.
    Unter Domitian (81–96) schloss sich daran die Stellung eines legatus iuridicus, eines Gerichtsvorsitzenden, in einem der Gerichtssprengel der Provinz Hispania Citerior (Hauptstadt : Tarraco = Tarragona) an; des weiteren wurde er von Domitian zum Kommandanten der in Syrien stationierten 6. "Eisernen" Legion ernannt und war darauf praetorischer Statthalter (Statthalter des Kaisers im praetorischen Rang) der Provinz Belgica unter Domitian und auch noch unter Nerva. Domitian wurde am 18. Sept. 96 ermordet, den Senatoren war er aufs äusserste verhasst, man wählte den hochangesehenen, aber alten M. Cocceius Nerva zum nächsten Kaiser (18. Sept. 96–27. Jan. 98). Doch der schwache und alte Kaiser musste seine Herrschaft und vor allem den Übergang zum Nachfolger sichern, um ein Blutvergiessen wie in den Jahren 68/69 zu verhindern. Er adoptierte Ende Okt. 97 den Statthalter von Obergermanien, den Befehlshaber der mächtigen Rheinarmee M. Ulpius Traianus und erhob ihn im Einverständnis mit dem Senat zum Caesar, d.h. Nachfolger. Nun aber war Q. Glitius Atilius Agricola Suffektkonsul (cos. suff.) im September/Oktober 97, d.h. er spielte eine Schlüsselrolle in Rom in dieser heiklen Zeit der Sicherung der Herrschaft. Er unterstützte offensichtlich Trajan und wurde zum Mitarbeiter und engen Vertrauten des Kaisers. 101–102 übertrug ihm der Kaiser die konsulare Statthalterschaft der Provinz Pannonien, der wichtigen Donauprovinz, von wo Atilius Agricola die aus Pannonien ausrückende Armee im 1. Dakerkrieg (101-102) befehligte. Als einer der wichtigsten Generäle wurde er anlässlich des Triumphzuges hochdekoriert. Wie heute bemass sich auch im römischen Heer die Zahl und die Art der militärischen Orden nach dem militärischen Rang. Am 13. Januar erfolgte eine weitere Krönung seiner Laufbahn, indem er sein zweites Konsulat (cos. suff. II) an der Seite Trajans führen durfte. Sie endete mit der Ernennung zum praefectus urbi (Stellvertreter des Kaisers in Rom), die – noch – nicht datiert werden kann (vor dem Jahr 114).

    Betrachten wir nun die militärischen Positionen von Q. Glitius Agricola nochmals einzeln : als junger Mann (20-24 j.) war er Militärtribun, d.h. er befand sich mit fünf anderen ritterlichen Militärtribunen im Stab eines Legionskommandanten. Danach, als gewesener Prätor, kommandierte er eine Legion, als gewesener Konsul war er Statthalter einer grossen kaiserlichen Provinz mit vier Legionen und zahlreichen Auxiliarformationen und Oberkommandierender dieses Heeresteils im 1. Dakerkrieg.

    Zum Erkenntniswert einer Inschrift, die eine Senatorenlaufbahn nennt :
    Die Senatorenlaufbahnen setzen sich zusammen (1) aus den alten (republikanischen) Magistraturen, die in Rom ausgeführt wurden; (2) aus Priesterschaften, ebenfalls in Rom; (3) aus Statthalterschaften im Dienste des Kaisers oder des Senates und schliesslich (4) aus militärischen Stellungen. Durch diese wechselseitigen Beziehungen zwischen den einzelnen Sphären gab es im römischen System weder den Gegensatz zwischen ziviler und militärischer Elite noch den Gegensatz zwischen Priestern und Laien; es waren dieselben Senatoren, die in allen Bereichen die Führungspositionen innehatten. Ebensowenig darf ein Gegensatz zwischen senatorischer und kaiserlicher Verwaltung konstruiert werden: die Senatoren waren Statthalter in sog. kaiserlichen und in sog. senatorischen Provinzen. Sie stellten die engsten Mitarbeiter der Kaiser dar.
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