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    Modules > Spätantike > Die Epoche

    Epochenbegriff

    Mit der Regierungsübernahme Diokletians (284) begann eine Epoche der römischen Kaiserzeit, die gerne als Spätantike bezeichnet wird. Jacob Burckhardts Die Zeit Constantins des Grossen (1853) hat auf die Ausbildung des Epochenbegriffs einen massgeblichen Einfluss ausgeübt. In erster Linie haben wir es natürlich mit der letzten Periode des römischen Reiches zu tun, mit einer spätrömischen Zeit also. Es war nach wie vor üblich, an römische Traditionen bis zurück zur Republik anzuknüpfen. Die zahlreichen Innovationen und Transformationen rechtfertigen es aber, von einer eigenen Epoche zu sprechen, der je nach Gewichtung eine unterschiedliche Dauer zugesprochen wird.

    476, heisst es oft, sei das Römische Reich untergegangen. Gemeint ist die Absetzung des Romulus Augustulus im Westreich. Der Knabe war kurz zuvor von einem revoltierenden Reichsfeldherrn als Kaiser eingesetzt worden, d. h. er war ein Usurpator. Der legitime Herrscher Julius Nepos floh und wurde 480 im Diokletianspalast in Spalato ermordet. Die Zeitgenossen empfanden alle diese Vorgänge zunächst nicht als epochalen Einschnitt. Auch aus einer grösseren historischen Distanz wird man sagen müssen, dass römische Strukturen im Westen erhalten blieben. In den verschiedenen germanischen Reichen knüpfte man ganz selbstverständlich an sie an.

    Von daher gibt es gute Gründe, das Ende der Epoche später anzusetzen. Zumindest die Zeit Justinians (527–565) sollte einbezogen werden. Justinians Politik einer restauratio imperii war nur sehr beschränkt erfolgreich. Zwar wurde die westliche Reichshälfte zurückgewonnen: Nordafrika, Italien und Südspanien. Durchgesetzt hat sich Justinian auch in der Schöpfung des gewaltigen Corpus Juris Civilis (bestehend aus Digesten oder Pandekten, Institutionen, Codex Justinianus und Novellen). Dennoch muss eine Bilanz negativ ausfallen. Die Zerstörung des Ostgotenreiches in Italien beispielsweise löste die traditionellen Strukturen auf und beseitigte die letzte widerstandsfähige Barriere gegen das Eindringen der Langobarden. Im Osten und im Balkan unterschätzte Justinian die sassanidischen bzw. slawisch-bulgarischen Kräfte. Vor allem aber reichten die Reformen im Innern nicht aus, um die gewaltigen Finanzprobleme zu lösen und die gesellschaftlichen Spannungen auszubalancieren.

    Zunächst kann man zwar von einem Höhepunkt sprechen, aber schon in den letzten Jahrzehnten des 6. Jh. wurde die Balkanhalbinsel von den Awaren verwüstet, die bis nach Konstantinopel vordrangen. Im 7. Jh. gaben die islamischen Araber der Mittelmeerwelt ein völlig neues Gesicht. Wichtige Gebiete des Reiches gingen rasch verloren. 673–677 belagerten die Araber gar Konstantinopel.

    Römische Kontinuitäten enden teilweise also schon im 6. Jh., in vielen Gebieten wirken sie aber sehr viel länger. In der modernen Forschung hat es sich eingebürgert, einen grösseren Zeitraum ins Blickfeld zu nehmen.


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